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  • AutorenbildFranz Hoegl

This Is Not A Love Song. Eine Paradoxiebetrachtung

Aktualisiert: 25. Juni



Zwamohl abg’schnitt’n, noch z‘kurz! Fränkische Redensart


Von vornherein lebt der Phänomenologe in der Paradoxie, das Selbstverständliche als fraglich, als rätselhaft ansehen zu müssen und hinfort kein anderes wissenschaftliches Thema haben zu können als dieses:die universale Selbstverständlichkeit des Seins der Welt – für ihn das größte aller Rätsel – in eine Verständlichkeit zu verwandeln.                        

Edmund Husserl

 

 

This

 

Der „geheime Charme“ (Gumbrecht 1991, S. 471) der Paradoxie ist längst verflogen. „Paradoxie“ gehört zu jenen Worten, die, wie „Anschlussfähigkeit“ und „Komplexitätsreduktion“, aus Fachdiskursen in die sprachliche Dekoration des Alltags eingegangen sind. Zugleich ist es schwer, einen systemtheoretischen Text zu finden, in dem „Paradoxie“ nicht prominent erwähnt wird. Manche dieser inflationären Verwendungen mögen zur Erschöpfung des Überraschungspotentials, das der Paradoxie einstmals zugesprochen wurde, beigetragen haben, etwa, wenn schon ambivalente Lagen („müde und wach zugleich“) oder schlichte Widersprüche zur Paradoxie erhoben werden. Vor diesem Hintergrund ist mein Beitrag das Ergebnis einer krisentypischen Rückbesinnung: Wie war der Gebrauch der Unterscheidung Paradoxie/Nicht-Paradoxie ursprünglich programmiert? Wozu setzt die Theorie auf Paradoxien?

Soweit ich sehe, setzt die systemtheoretische Karriere des Paradoxiebegriffs erst mit der autopoietischen Wende nach 1984 ein. Das Buch „Reden und Schweigen“ (Luhmann/Fuchs 1989) aus dem Jahre 1989 markiert für beide Autoren, Niklas Luhmann und Peter Fuchs, einen (Neu)Anfang, für Luhmann gehört es noch zu den Prospekten der „autopoietischen Wende“, für Peter Fuchs war es das erste aus einer langen Reihe von Büchern. Dieser Text des Anfangs erscheint mir darum besonders geeignet, um von ihm ausgehend noch einmal zu fragen, was es denn mit der Paradoxie der Systemtheorie auf sich haben könnte[1].

Schon das einleitende Kapitel gibt ein Paradoxie-Beispiel und führt im Anschluss eine programmatische Unterscheidung ein, die Unterscheidung von traditionellem, rhetorisch geprägten und modernem, logisch ansetzenden Paradoxieverständnis:

 

„Die Welt kann, um es nochmals zu sagen, nur als Paradox in die Welt kommen. Gerade das ist aber durch Vollzug von Kommunikation möglich. Es bedarf dazu keiner logischen Analyse des Begriffs der Paradoxie, und wir beziehen uns folglich mehr auf die rhetorische als auf die logische Tradition dieses Begriffs“ (ebd., S. 8, Hervorhebung F.H.).

 

Die Logik, so Luhmann und Fuchs, sei nicht in der Lage, ihre eigene Form mitzureflektieren[2]:


„Deshalb halten wir, unter Absehen von allen historischen Besonderheiten der abendländischen Rhetorik-Tradition, deren Paradoxieverständnis für fundamentaler als das der Logik“ (ebd., S. 8, Hervorhebung F.H.).

 

Das ist ein bemerkenswert eindeutiges mission statement, das in deutlichem Kontrast steht zu der Weise, wie seither üblicherweise in der Systemtheorie  über Paradoxien gesprochen wird, nämlich in der Regel in Begrifflichkeiten und Metaphern, die vorzugsweise aus der mathematischen Logik entlehnt wurden, allen voran der Formenlogik von George Spencer-Brown (1999)[3].

Wenn Luhmann und Fuchs festhalten, sich „folglich mehr auf die rhetorische als auf die logische Tradition dieses Begriffs“ zu beziehen, ergeben sich einige Fragen, etwa: In welcher Weise beziehen sich Luhmann und Fuchs auf die rhetorische Tradition, mithin, auf was an ihr? Wenn „mehr“ einschließt, dass sich der Paradoxiebegriff auch (aber eben: „weniger“) auf die logische Tradition bezieht – auf was an ihr? Oder, um  es „paradox“ im (vorläufig unterstellten) Sinne Luhmanns zu formulieren: Wozu wird die Unzuständigkeit der Logik logisch begründet?

Zur Klärung dieser Fragen werde ich zwar nicht „alle historischen Besonderheiten der abendländischen Rhetorik-Tradition“, von denen Fuchs und Luhmann abgesehen haben, wieder hervorholen, aber immerhin einige Aspekte grob skizzieren, denn mir scheint, es könne nicht schaden uns daran zu erinnern, dass das Wort 'Paradoxie' „mindestens bis in das 19. Jahrhundert hinein etwas vom heutigen Sprachgebrauch gänzlich Verschiedenes“ meinte (Wilke 2020, S. 3). Im Anschluss daran werde ich den, oder vorsichtiger: einen mittlerweile eingespielten Paradoxiebegriff der Systemtheorie und dessen Verstrikung in Voraussetzungen der formalen Logik gegenbeobachten. Darauf aufbauend wende ich mich zwei unterschiedlichen Paradoxiegebräuchen zu, wobei es möglich ist, dass sich der eine als ein Unterfall des anderen herausstellt: Der  systemtheoretischen Beobachtungen von (etwas als) Paradoxien, und der Annahme, das Beobachten selbst sei per se schon paradox.

Am Ende dieser vermutlich viel zu hastig geplanten Reise werde ich, wie das heute so üblich ist, eine Bewertung abgeben, in Form einer Mängelanzeige und eines Vorschlags.

 

 

Is

 

Bis ins 19. Jahrhunderts galt Paradoxie vor allem als verblüffende, mehr oder weniger ‚allgemein‘ angesehenen Auffassungen widersprechende Figur, die nicht notwendig durch logische Absurdität gekennzeichnet war, sondern durch ihre pragmatische Rolle in der anti-konsensualen Rede (Schilder 1933, Gumbrecht 1991, Plett 1992, Ueding 2003, Wilke 2020): Ein Redner kann etwa seine Fähigkeit besonders eindrucksvoll demonstrieren, wenn es ihm, so Cicero in der Vorrede seiner Paradoxa Stoicorum (Cicero 2004), gelingt, etwas Unglaubliches, Scheußliches oder Unschönes – eben: Paradoxes – „mit der Hilfe der Redekunst annehmbar“ erscheinen zu lassen und ihm durch eine Rede Glanz zu verleihen, ja, es „in einem gewissen Sinne sogar zu veredeln“. Paradoxien, das waren in einer kanonischen Bestimmung Ciceros, „quae quia sunt admirabilia contraque opinionem omnium“ (Cicero 2004, §4), sie sind erstaunlich, dem ‚allgemeinen‘ Konsens entgegengesetzt. So verstanden unterscheidet sich die Paradoxie von der Endoxie, dem consensus omnium, von dem, was der allgemeinen Meinung gemäß ist. In dieser anti-konsensualen Abweichung hatte die Paradoxie auch noch Verwandte, wie etwa die Amphidoxie (das Strittige, die „offene Frage“, Plett 1992, S. 93), oder die Adoxie (das Anstössige, Unanständige)[4].

Die Unterscheidung Paradoxie/Endoxie bleibt bis in die Neuzeit leitend, zugleich kann man die im Rahmen dieser Unterscheidung erheblich variierenden Paradoxiebegriffe danach unterscheiden, wie das der-allgemeinen-Meinung-entgegengesetzt-sein bewertet wurde, was als „allgemeine Meinung“ für relevant gehalten wurde, und wozu die paradoxe Rede eingesetzt wurde.

 Um sich die enorme Bandbreite der begrifflichen Formen, welche die rhetorisch-pragmatische Tradition der Kommunikation zur Verfügung stellt, vor Augen zu führen, braucht man nur den sophistischen Paradoxiegebrauch mit dem  Paradoxieverständis der aristotelisch-ciceronischen Rhetoriktradition zu vergleichen[5]. Die paradoxen Schaureden der Sophisten hatten den Zweck, potentiellen Kunden vorzuführen, welche Überzeugungskraft eine gute Rede entwickeln kann; ob Lobreden auf den eigenen Tod, die Bettler oder übel beleumundete Gestalten der Mythologie, die sophistische Schaurede zeigte, dass man bei geeigneter Ausbildung über Alles so sprechen konnte, dass das Publikum von seinem vorgefassten Urteil ablässt und sich vom Gegenteil überzeugen lässt; etwas, das der Polisbürger (vor dem Hintergrund der Demokratisierung der griechischen Städte im ausgehenden 5. Jahrhundert v. Chr.) zum Zwecke der Selbstbehauptung in politischen Verhandlungen und vor Gericht gut gebrauchen konnte. Wenn man dabei Wahres sagte, war das kein Schaden, aber was allein zählte war der Abschluss – um es in der Sprache der Versicherungsmakler zu formulieren, den modernen Nachfahren der Sophisten.    

Diesem allein erfolgsorientierten Gebrauch paradoxer Rede- und Denkfiguren komplett entgegengesetzt sind die politischen Versuche Ciceros, seine Zuhörer angesichts des Niedergangs der römischen Republik wachzurütteln durch Paradoxien, die sich, im Zuge der Rede, als ‚höhere Wahrheiten‘ herausstellen mögen. Das Publikum sollte also nicht seine Überzeugungen ändern, sondern die zunächst paradox erscheinende These („Nur das Sittliche ist ein Gut“ hört ein wohlhabendes Publikum mit Argwohn, ebenso die Behauptung, dass nur der Weise „reich“ sei) in ihre bestehenden ethisch-politischen Vorstellungen integrieren. Dieser Paradoxiegebrauch erfolgt im Vertrauen darauf, dass sich evidente Wahrheiten durchsetzen, wenn man sie nur geeignet zur Darstellung bringt. Eines dieser Mittel ist die Umwidmung von Ausdrücken geläufiger Wertvorstellungen („reich“, „Gut“, „Weise“, „Sklave“).

Die „Paradoxa Stoicorum“ (Cicero 2004) sind zugleich ein Beispiel einer raffinierten paradoxen Intervention. Denn Cicero bezieht sich mit seinen paradoxen Wahrheiten auf die alten, anerkannten republikanischen Tugenden – und beschwört so einen Konsens bezüglich dieser überkommenen Leistungsethik, der zu jener Zeit gerade nicht mehr bestand, in den sich das Publikum vielmehr sozusagen zurückhineinidentifizieren sollte.  

Paradoxien im Sinne eines Spiels mit Erwartungen eignen sich auch als Distinktionsmittel: Was Anderen paradox erscheinen mag (dem „Pöbel“ z.B.) erkennt die In-Group als köstliches Spiel mit Konventionen, so etwa, wenn sich im römischen Kaiserreich Hunderte Zuhörer aus der gebildeten Oberschicht köstlich amüsieren, wie kunstvoll die sopistischen Superstars aus dem Stegreif Lobreden auf die Kahlheit oder Flöhe halten – und darin auf eine ungefährliche Art gegen sittliche oder ästhetische Konventionen verstießen (etwa der Konvention, das Lobreden nur auf honorige, verdiente Personen gehalten werden, vgl. hierzu Schmitz 1997), welche zugleich die religiösen, politischen, rechtlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen unangetastet ließen.

Mit der Scholastik wurde es wieder ernst. Auch wenn im Neuen Testament das Wort „Paradoxie“ nur einmal vorkommt (die merkwürdige Heilung des Gelähmten, Lk 5,26, vgl. hierzu auch Kraft 1992), gab es eine ausgiebige Beschäftigung mit Paradoxien[6] (der gebräuchliche Ausdruck dafür war das lateinische impossibilia), vor allem zu Schulungszwecken, zur Vorbereitung auf Disputationen (zur Abwehr von Irrlehren), aber auch, sozusagen als Ausweis der eigenen Wissenschaftlichkeit, zur Selbstbehauptung im Rahmen der mittelalterlichen artes liberales (Flasch 2013).Insbesondere aber fällt die Mystik auf: nicht nur durch spirituell intendierte paradoxale Rede- und Denkfiguren, sondern auch durch die Pflege paradoxer Praxen der Lebensführung („Weltflucht“ etwa als spirituelle Version von Wittgensteins Leiter), denen Peter Fuchs in „Reden und Schweigen“ ein eigenes Kapitel gewidmet hat[7]. „Die Paradoxie“, so Alois Haas (1992, S. 284), ist eine adäquate, wenn nicht die angemessenste Denk- und Sprachform der Mystik“, und der „auf Paradoxa rekurrierende Diskurs behält im theologisch-philosophischen Bereich weit über das Mittelalter hinaus seine Wirksamkeit“ (Ueding 2003, S. 519). Im Unterschied zum scholastischen Umgang mit Paradoxien ging es in der Mystik nicht um eine Auflösung[8] der Paradoxie, sondern um deren expressives Potential. Der paradoxe Effekt, der Schwebezustand als „Zwischenform“ (Luhmann 2002a, S. 131) fungiert als Ausdruck eines Erlebens, das auch in der Sondersprache der Mystik nicht nacherzählbar, aber nacherlebbar wird.

Bei allen Unterschieden der Semantiken und der korrelierenden Gesellschaftsstrukturen zeigt sich im Vergleich der paradoxalen Formen von der Antike bis zur Scholastik ein gemeinsamer Zug: was als Paradoxie beginnt, soll sich – warum auch immer, wie auch immer – in eine Endoxie auflösen. Dieses Paradoxieverständnis war, sieht man von der subversiven Ausnahme der Mystik ab, bis zum Beginn der Neuzeit prägend: Die heute verbreitete Vorstellung, der Auffassung (der „Meinung“) einer Mehrheit der Experten, der Ältesten, der Vorfahren usw. sei eigentlich grundsätzlich zu mißtrauen, wäre einer römischen Adeligen oder einem französischen Mönch wohl völlig unverständlich erschienen, ja: paradox.

Der Mainstream, von dem man sich abzusetzen habe, wurde erst im 16. Jahrhundert erfunden, wohl als Nebeneffekt der Medienrevolution „Buchdruck“. Aus paradoxer Rede und Abschrift wurde paradoxer Text inmitten von anderem, massenhaft verfügbarem, öffentlichem Text. Die funktionale Differenzierung, die in der alten Welt noch durch Zurechnungen auf (oder besser: „in“) Personen und Familien integriert wurden, beginnt sich in Funktionssystemen zu verselbstständigen[9], ein Prozess, dessen Effekte man auf der Ebene des Erlebens als Ausbruch aus der scholastischen Enge zu beschreiben pflegt. Auf jeden Fall war es ein Ausbruch aus der beschränkten Quellenlage. Mit der allmählichen Wiederentdeckung der antiken Originalschriften begann eine gebildete Avantgarde – „ad fontes“ – Sammlungen ‚guter Zitate‘ und Sentenzen zusammenzustellen, auf die man sich berufen konnte, im Unterschied zur (noch) bestehenden Mehrheitsmeinung. Im Unterschied zum ciceronischen Verständnis, demzufolge eine ungewöhnliche, paradoxe These nicht das Publikum, sondern den, der diese These vertrat, unter Zugzwang setzte, wurden nun neue Thesen und Konzepte durch die Berufung auf anerkannte Texte der Vergangenheit gerechtfertigt (je älter, desto besser) – auch wenn es dem gegenwärtigen Publikum als Paradoxie erscheint. Dabei entwickelte sich ein Umgang mit Paradoxien, der sich – paradoxerweise – von dem der antiken Vergangenheit deutlich unterschied: Hoffte der antike Redner oder Autor auf Konsens durch Evidenz, richtete sich die paradoxe Rede der Renaissance darauf ein, Dissens auszuhalten. Etwa, wenn Macchiavelli 1513 mit dem Il Principe[10] die Rationalität des Politiksystems gegen moralische oder religiöse Zumutungen verteidigte, ohne den Anspruch zu erheben, auf einer höheren Ebene den Dissens, den seine paradoxen Thesen auslösen, theoretisch aufzuheben[11], sondern diese Intergration dem Gesellschaftssystem überließ.

Im Zuge des der Aufklärung setzte sich endgültig durch, das den gewöhnlichen Erwartungen, insbesondere den religiösen Überzeugungen Widersprechende nicht mehr als etwas zu behandeln, das durch geschickte Rede wieder mit den Überzeugungen versöhnt werden müsse, sondern als „Wagestück“ (Kant, ApH, S. 410), das als Anregung zum kritischen Selbstdenken zu schätzen sei. So schreibt Kant in der Vorlesung über die Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (ebd.):

 

„Dem Paradoxen ist das Alltägliche entgegengesetzt, was die allgemeine Meinung auf seiner Seite hat. Aber bei diesem ist eben so wenig Sicherheit, wo nicht noch weniger, weil es einschläfert: statt dessen das Paradoxon das Gemüth zur Aufmerksamkeit und Nachforschung erweckt, die oft zu Entdeckungen führt.“

 

Was paradox erscheint, mag sich als Irrtum entpuppen, aber andererseits birgt es auch die Chance, Neues in die Welt zu bringen:

 

„Es ist also genung, wenn man seine Erkenntnis von Irrthümern sichern kann, aber ungeduldig dürfen wir nicht so gleich über einen Irrthum werden, wenn er auch von andern begangen wird, denn wer im dencken läuft, kann eher einen Irrthum begehen als der da kriechet. Diejenigen Erkenntniße, die den Irrthum verdächtig machen, sind die paradoxen Erkenntniße, welches befremdende Erkenntniße sind, dahero man von einem Autor der Paradox ist, was neues lernen kann, wenn man ihn beurtheilt, weil er vom alten Wege abweicht, und einen neuen wählt.“ (VüA, S. 483).“

 

Wo Kant den Mut des Verstandes zum Neuen, zum Selbstdenken noch durch vernünftige Prüfungen in der Sozial- und Sachdimension (Wie sieht meine These aus der Perspektive der Anderen aus? Tu ich denn selbst, was ich sage, indem ich es sage?) flankieren mochte, weil er der Gesellschaft nicht über den Weg traute, verselbstständigte sich die Feier des Neuen in der Romantik: das Wechseln der Perspektive, und das immer neue Wechseln der Perspektive, wurde zum Wert in sich (man könnte, mit Peter Fuchs (1993), sagen: ab da hat die „moderne Kommunikation“ zu sich gefunden). Oder: zum „Eigenwert“  – einer Gesellschaft, deren Ordnungsprimat der funktionalen Differenzierung mittlerweile so eindeutig geworden war, dass die Kommunikation von dieser Explosion polykontexturaler Mehrdeutigkeit überlastet wurde: „Weder Gott noch Natur (und nicht Vernunft) können garantieren, daß kommunikative Anschlüsse ‚rahmenfest‘ erwartbar sind und nicht durch abweichende Beobachtungen durchkreuzt werden“ (ebd., S. 85). Das wird registriert, darüber wird geredet, und darüber, dass darüber geredet wird, und das Reden hört nimmer mehr auf. Menschen, Texte, Kunstwerke, Vaterländer, Muttersprachen, das Mittelalter, die Märchen, nichts kann jemals mehr aus-verstanden werden:

 

„Der gesunde Menschenverstand, der sich so gerne am Leitfaden der Etymologien, wenn sie sehr naheliegen, orientieren mag, dürfte leicht auf die Vermutung geraten können, der Grund des Unverständlichen liege im Unverstand. Nun ist es ganz eigen an mir, dass ich den Unverstand durchaus nicht leiden kann, auch den Unverstand der Unverständigen, noch weniger aber den Unverstand der Verständigen,“  

 

so Schlegel (2018, S. 268) in seinem Fragment „Über die Unverständlichkeit“. Wo die Mystik ihre Paradoxien mit ernster Präzision platzierte, die Renaissance das ungeheuerliche Neue in ihren Paradoxien versteckte, weil die allzu klar mitgeteilte Infomation leicht auf den Scheiterhaufen führen konnte, da drehten in romantischer Kommunikation die Verhältnisse durch. Was Information ist, wird zur Mitteilung, oder doch nicht, ...oder auch, ... kurz: Kommunikation wird „nebulos“[12]. Das wurde begleitet von immer neuen Theorien des Paradoxen und von reflexiven Betrachtungen der Ironie der Ironie usw., zum anderen führt die gegenseitige Steigerung von Verblüffung und Gewöhnung zu  einem immer ‚paradoxeren‘ Mitteilungsstil: „Die Poesie und der Idealismus sind die Centra der deutschen Kunst und Bildung; das weiß ja ein jeder. Aber wer es weiß, kann nicht oft genug daran erinnert werden, daß er es weiß. Alle höchsten Wahrheiten jeder Art sind durchaus trivial, und eben darum ist nichts notwendiger als sie immer neu, und womöglich immer paradoxer auszudrücken, damit es nicht vergessen wird, daß sie noch da sind, und daß sie nie eigentlich ganz ausgesprochen werden können“ (Schlegel, ebd., S. S73).

Nach dem langen Weg vom 5. Jahrhundert bis in die Moderne hat sich die Beurteilung der Paradoxie komplett gedreht: „Jede nicht paradoxe Philsophie ist sophistisch. Sophismus ist, was dem gemeingeltenden Unsinn nicht widerspricht“ (Schlegel 1958, S. 123). Die auf Dauer gestellte Reizung  durch Paradoxie sabotierte sich selbst – was nicht unbemerkt blieb[13]. Es gab zahlreiche Warnungen vor einer „Paradoxomanie“, der Ausdruck fand gar seinen Weg in Konversationslexika[14]. Die paradoxomanische Routine regte Gegenbeobachtungen an, die den blinden Fleck dieser Jugendbewegung “vereitelter Revolutionäre” (Braune 2014, S. 184) kritisieren: ihre “Tatarmut”, den Ästhetizismus einer geistigen Reaktion auf die Französische Revolution, die eben eine “bloß geistige” blieb (ebd., S. 183). Mit den Forderungen, vom Paradoxieren der geistigen Welt nun endlich zur Veränderung der sozialen überzugehen, sank die Paradoxie wieder zurück aufs Verwunderliche, Seltsame, auf den ersten Blick Verblüffende[15]. Die provokative Kraft, Unthematisierbares (oder auch nur: noch nicht Thematisiertes) zur Sprache und ins Gespräch zu bringen, hatte sich abgenutzt[16].

 

Not A

Mit dem Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden Siegeszugs der formalen mathematischen Logik (als Effekt der Industrialisierung und der Ausdifferenzierung der Naturwissenschaften als universitäre Disziplinen) hatte sich ein ganz anderer, mathematisch ausgelegter Paradoxiebegriff in den Vordergrund geschoben. An die Stelle der Unterscheidung Paradoxie/Endoxie tritt die Unterscheidung Paradoxie/Tautologie (Luhmann 1987, Simon 2018), und die Paradoxie war wieder zurück auf der Bühne, aber in einem anderen Genre. Paradoxien wurden nun – fast[17] ausschließlich – als Strukturen in sich kreisender logischer Absurdität begriffen (Paradoxien, die dezidiert logischen Erwartungen widersprachen, gab es schon zu Zenons Zeiten, wie das Paradoxon von Achilles und der Schildkröte[18] und viele andere; aber sie waren eher Musterbeispiele für Sophismen, nicht für „das“ Paradoxe). Die sogenannte „Grundlagenkrise der Mathematik“[19] im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts prägte maßgeblich, wie man sich seitdem das typische Mitglied der Paradoxie-Familie vorstellt: als logische Zwickmühle, als Monsterform im Medium der Entscheidbarkeit. Und dann lassen sich Theorie- und Denkstile daran unterscheiden, ob sie das Monster in ihr Spiel einbinden oder wegsperren[20].  

In einer durch die Theorie m. E. bislang kaum problematiserten Übernahme dieser mathematisch-formalen Ausgelegtheit[21]finden sich systemtheoretische Versuche, „das allen Paradoxien Gemeinsame, eben ihre Form“ (vgl. etwa Lau 2005, S. 139, Hervorhebung F.H., o. a. Esposito 1991, S. 35, aber auch Luhmann 1984, S. 59), anzugeben: eine Paradoxie sei stets ein Zugleich von Negation und Selbstbezug (‚Dieser Satz steht nicht da.‘).

Doch erscheint eine solche formale, für alle Fälle von Paradoxien Geltung beanspruchende Festlegung in der hier vorgeschlagenen Perspektive als Verengung, die andere, z.B. reflexions-logische Hinsichten[22] auf paradoxe Verhältnisse kaum zur Kenntnis nimmt. Ich möchte nun nicht die Dogmatisierung eines blinden Flecks durch die des nächsten ersetzen, sondern vorschlagen, den gewohnten Blick auf „die Logik“ für eine Weile zu suspendieren. Dann finden sich innerhalb des Logischen, also dem Blick, der ins Verhältnis setzt (Logos), auch ander mögliche Logikbilder und Analysehinsichten[23].

Die formalen Fassungen des Paradoxiebegriffs, an denen sich die Systemtheorie orientiert, wenn sie erklärt, was das Paradoxe an ihren Paradoxien sei, gründen – vorschlagsweise, aus einer anderen (aber auch: logischen) Perspektive – in der Annahme, Rückbezüglichkeit[24] sei Selbstreferenz, und Selbstreferenz sei eine Spezialversion der Bezugnahme von etwas auf etwas anderes, nur dass das Andere ein – dann: das – Selbst sei[25].  Dass also die formale logische Struktur xRy das allgemeine Schema der Bezugnahme sei, nur dass im Falle der Selbstreferenz daraus ein xRx würde. Der Schweizer Philosoph Urs Schällibaum argumentiert dagegen, dass sich, im Falle des Rückbezugs, ein Satz x nicht „auf den Satz x“ bezieht, sondern auf etwas an dem Satz x (Schällibaum 2001, insbesondere S. 90 f.). Formalistische, sich an anschaulichen Figuren  auf Papier, Bildschirm und Tafel entzündende Grübeleien, wie A mit A identisch sein können, wo man doch zugleich zwei A vor sich habe[26], verdanken sich, aus reflexionslogischer Sicht, der Einebnung operativer Unterschiede, so dass nur die gleiche Thematisierung, sprich, der gleich geschriebene, formale Ausdruck übrigbleibt, während man nicht darauf achtet, in welcher Hinsicht A „mit sich“ identisch sein möge (man könnte entgegnen: in jeder Hinsicht – aber auch das ist eine Hinsicht, vor dem Horizont anderer Möglichkeiten). Die hinsichtslose Verallgemeinerung bildet eine Betriebsbedingung der formalen Logik, sie ist gerade deshalb nicht geeignet, reflexive Bezüge zu modellieren. Diese Hinsichtslosigkeit zeigt sich nicht nur in ihrer Zeitstille (die formale Beobachtung hat gar kein „Register“ für die einzelnen Positionen der reflexiven Bewegung), sondern auch in ihrem ganzheitlichen Bezug, so als „gäbe“ es reine Selbstreferenz (jenseits ihrer formal notierten Hinbehauptung). Reflexive Bezüge sind aber immer auch inhaltliche Bezüge. In systemtheoretischer Umschrift: Selbstreferenz und Fremdreferenz bilden kein Paar, das sich gelegentlich zusammenfindet, keine „situationship“, sondern eine Form, eine Differenz — das eine ist was es ist nur durch sein Anderes. Eben dies wandert in formaler Beobachtung in den blinden Fleck, wenn man „Inhalte“ zu „Variablen“ macht (Wem die Rede von Inhalten zu alteuropäisch ist, der muss auch vom Formalen schweigen. So wie man nicht nur die Vorderseite eines Blatt Papiers zerschneiden kann).

Das Verschieben der Hinsichtlichkeit in den Formalismus zieht sich durch sämtliche systemtheoretischen Diskussionen des Paradoxiebegriffs: the same ist dann the different (und doch the same); das Definiens (System/Umwelt) ist das Definiendum (System), und zugleich nicht (System); eine Zweiheit (Unterscheidung) erscheint als Einheit (Bezeichnung), usw.

In diesen Fällen kommt dem Bezug auf die Logik, genauer, der Härte der logischen Unlösbarkeit, eine eigentümliche Funktion zu: Sie stiftet Unhintergehbarkeit. Zwar betont Luhmann (1991c, S. 62), ein Paradox sei „ja immer ein Problem eines Beobachters“. Aber was genau heißt das, hier? Sobald der Beobachter eine Paradoxie erkennt (und sei es, dass er sich selbst in sie verwickelt hat), gibt es, so Luhmann, keinen logischen Ausweg,

 

„so daß es letztlich immer um die (Auf)-Lösung eines unlösbaren Problems geht und daß die Unterscheidung, die an die Stelle der Paradoxie gesetzt wird, sprunghaft gesetzt wird, willkürlich gesetzt wird (...)“ (Luhmann 1992, S. 421, Hervorhebung von F.H.).

 

„Logik“, vor allem die Formenlogik Spencer-Browns (die ja eigentlich Mathematik sei, so Spencer-Brown (1999), aber das scheint noch nicht ganz geklärt), ist ein Chiffre für eine geschiente Nicht-Kontingenz. Auf ihr „beruht die Aussicht auf einen formentheoretischen Kalkül, der alle Beobachter, die mitmachen, zum selben Ergebnis führt“ (Luhmann 1997a, S. 92, Hervorhebung F.H.). Das folgt Spencer-Browns Überzeugung, die injunktive Methode von Befehl-und-Befolgung würde von den Mehrdeutigkeiten des „Geredes“ befreien (vgl. Hoegl 2021, S. 69). Nun, wenn das möglich wäre, (das Sprachspiel des Befehle-Gebens-und-Folgens geredefrei am Laufen zu halten), dann wäre eine Menge mehr möglich, und die Systemtheorie würde ihr Bezugsproblem verlieren.

Das Logische an der Paradoxie vernichtet, in (meiner Erzählung von) Luhmanns Erzählung, Kontingenz – automatisch, schockartig, bis sie sich aus dem Nichts zurück„entfaltet“, im Getroffen-worden-Sein anderer Unterscheidungen. Das ist eine eigenartige Verlässlichkeit in einer „einer total kontingenten Welt“ (Luhmann 2017, S. 642). Die Paradoxien, die ‚gibt‘ es (für ihre Beobachter), sie sind nicht nur scheinbare Widersprüche. Der Effekt dieser Art (logischer) Paradoxien ist nicht nur „contra opinionem omnium“, sondern der einer paralysierenden Blockade[27]. Sie liefern jene Unbedingtheit, die man sonst von  transzendentalphilosophischen Letztbegründungsversuchen kennt[28]. Ich komme darauf zurück.

„Die Paradoxie ja immer ein Problem eines Beobachters“ – aber eben: ein Problem, das widerfährt (und nicht, was man angesichts der fundamentalen Rolle der Beobachtung annehmen würde: die Leistung eines „Beobachters“?) Bei  der Anbahnung der Paradoxie ist die Beobachtung – unter den Voraussetzungen einer angenommenen logischen Unlösbarkeit  von Paradoxien – in der Rolle einer bloßen Registratur[29].

Doch was, wenn man die Unlösbarkeit der logischen Paradoxien nicht als dauerselbstentzündendes Perpetuum Mobile versteht, sondern als Leistung einer – kontingenten, und zugleich: logischen – Beobachtung(sweise)? Wenn sich also „logische Paradoxien“ durchaus als logisch wenn nicht lösbar, so doch mit (reflexions)logischen Mitteln auflösbar erweisen?  

Betrachten wir hierzu das klassische, wohl meist-und-immer-wieder-anders-aufgelöste Beispiel, das Lügner-Paradox vom Kreter, der sagt, alle Kreter lügen. Das typische paradoxe Schwindel-Erleben kommt in Gang: Wenn das wahr ist, dann ist es ja nicht gelogen, und wenn es gelogen ist, ist es wahr, und dann stimmt es ja doch wieder nicht usw. ad inf. Aber wodurch genaukommt „es“ in Gang? Ist es ein Produkt der Logik selbst, die hier, im Paradox, an ihre prinzipiellen Grenzen stößt[30]?

Vorliegender Beitrags schlägt nun folgende Anders-Betrachtung vor: Der paradoxe Effekt verdankt sich einer stillen Zusatzbedingung, nämlich jener, den Sachverhalt allzu selbstverständlich in eine wenn-dann-Struktur zu übersetzen; einer Struktur, die aus (der Rede von) einem Menschen aus Kreta, der etwas äußert, eine Prämisse macht, in Form einer automatenhaften Mitteilungs-Quelle, die in allem, was sie äußert, stets nur lügt (aber können Automaten lügen?). Und wenn (!) man so beobachtet, dann (!) stimmt, was Luhmann sagt: Paradoxien lassen sich nicht lösen – so wie ja auch die Aufdeckung des Zaubertricks von der zersägten Dame nicht die Frage löst, wie denn nur der Zauberkünstler die Dame zersägen konnte ohne die erwartbaren Folgen. Viele Paradoxien sind im hier vorgeschlagenen Sinne rückbezügliche Konstruktionen, in denen implizite, stillschweigende (Voraus)Setzungen oder Zusatzannahmen für performative Widersprüche sorgen. Diese verhängnisvollen Implikaturen können vielerlei Art sein, z.B. eine Kontextverknappung, oder eine dogmatische Verabsolutierung eines einzelnen Aspekts. Man kann Paradoxien nicht „lösen“, aber man kann sie loslassen, indem man die einzelnen Pfade ihrer Genese abschreitet und sich fragt, welche der Prämissen man fallen lassen möchte. Im Falle des Lügner-Paradox wäre eine (pragmatische) Option, die Krux in der vorausgesetzten Konstruktion „des“ Lügners zu sehen: Die wenn/dann-Zwickmühle setzt ein seltsames Kunstwesen voraus, den absoluten Superlügner, der niemals etwas anderes ‚ausführt‘ als Lügen, 24 Stunden, siebenmal die Woche (Es gibt freilich noch andere, more sophisticated ways mit den Kontextverknappungen der Lügner-Paradoxie umzugehen, vgl. Künne 2013, Cuonzo 2014). Mit anderen Worten, die vorgeschlagene Auflösung weist die Zusatzannahme zurück, alle Kreter würden immer nur lügen. Denn diese Zusatzannahme löscht thematisch die Differenz zwischen formalen Zeichensystemen und Weltverhältnissen: Sie behauptet nicht (was logisch unbedenklich, ansonsten freilich beleidigend wäre), dass alle Kreter eine Neigung zum Lügen hätten, wenn sich entsprechende Gelegenheiten böten, nein, damit die Paradoxie funktioniert, muss sie stillschweigend vom komplex Konkreten – empirischen, also kontingenten Unterstellungen gegenüber ‚Leuten‘ („das sind Lügner“) – übergehen zu einer einfachen, formalen Allgemeinheit („Lügner lügen immer“). Das ist, hinsichtlich der Einebnung der Unterscheidung formaler und inhaltlicher Aspekte, die gleiche Figur[31] wie in dem Witz: „Jeden Tag wird in dieser Stadt ein Mann überfahren.“ – „Der Arme!“ 

Nun ist es kein Geheimnis, Luhmann hält alle Versuche, Paradoxien zu verhindern, oder durch Perspektivenwechsel gar nicht erst entstehen zu lassen, für hilflos. Dabei will er

 

„nicht übersehen, daß es durchaus Versuche einer logischen Rekonstruktion von Alternativität gibt, die sich bemühen, Widerspruchsfreiheit zu garantieren und Paradoxie auszuschließen. (...) Aber diese Bemühungen verlagern das Problem nur in weitere Unterscheidungen, die dann nicht mehr problematisiert werden; (...) sehr typisch in Logik und Linguistik in die Unterscheidung mehrerer ‚Ebenen‘ der Analyse oder der Sprache. All diese Versuche haben die Schwäche, daß sie das Problem der (Einheit einer) Unterscheidung nicht behandeln, sondern nur auslagern können“ (Luhmann 2019, S. 407f. Fn. 6).

 

Sie bieten, nach Luhmann, ein bloßes „Verlagern“ der paradoxen Unlösbarkeit, weil sie gewissermaßen künstlich Ebenen einziehen oder Grenzen ziehen, wo doch zunächst nur unmarkiertes Nichts (unmarked space) sei. Aber wann war zunächst?[32]Wenn, um es mit Peter Fuchs (2018, S. 119) zu formulieren, das Sinnsystem nicht Unterscheidungen trifft, sondern antrifft (je immer schon, inmitten, als In-der-Kommunikation-Sein), dann spricht mehr dafür, nicht von einem „Indifferenzfeld“, sondern von einem „Differenzfeld“ (Scheier 2016, S. 59, dabei Luhmann (1992, S. 37) zitierend) auszugehen: „Selbstreferentielle Systeme haben immer schon angefangen mit Differenz und fahren fort mit Differenz, solange sie empfindlich bleiben für Ereignisse, die ‚nur als Differenz beobachtet werden können‘“. Jede Relationierung zieht eine Grenze, auch die Rückbezüglichkeit. Schierer, reiner Selbstreferenz fehlte die Gegenseite, die Fremdreferenz. Deshalb bezieht sich x im Falle der Selbstreferenz nicht auf x, sondern auf etwas an x. Insofern ist nicht die Auflösung der Paradoxie eine willkürliche Maßnahme, sondern die Verganzheitlichung des reflexiven Selbstbezugs, die Einebnung der Vorgeschichtlichkeit allen Bezeichnens, deren Effekt die Plausibilität eines unmarked space ist, in den jede Unterscheidung ‚hineingetroffen‘ werden muss; auf sich gestellt, im formal-typischem Singular.

Wie steht es, vor dem Hintergrund dieser Überlegungen, nun um die zersägte Dame der Systemtheorie, der logisch unlösbaren Paradoxie der Form (des Beobachtens), in der jede Beobachtung und Nicht-Beobachtung gründet[33]?

„Jede Beobachtung“, so Luhmann (1990, S. 15) über die Operation, die jedes Beobachten vollzieht, „bezeichnet etwas und unterscheidet dies dadurch von anderem.“ Die durch diese Operation reproduzierte Form ist der Zusammenhang von zwei Seiten einer Unterscheidung, und diese Reproduktion kann nur asymmetrisch erfolgen: Figur, oder Grund, aber nicht beides zugleich. Warum nicht? Weil man dann nicht beide Seiten der Differenz bezeichnen würde, sondern eine neue Figur, vor einem anderen Grund, der sich dem aktuellen Aufgriff verbirgt:

 

„Operativ, hatten wir gesagt, kann nur die eine, die bezeichnete Seite der Form verwendet werden. Wer beide Seiten zugleich verwenden will, verstößt gegen den Sinn der Unterscheidung. Es geht nicht, es liefe auf eine Paradoxie hinaus. Dann müsste man in einem Zuge das Verschiedene als dasselbe bezeichnen. Wir kommen nicht umhin: Die Form der Form ist ein Paradox“ (Luhmann 2016, S. 201).

 

Was ist daran im formal-logischen Sinne paradox? Von etwas auszusagen, es sei dasselbe und nicht dasselbe, ist zunächst nicht paradox, sondern einfach nur ein Widerspruch, der sich zudem auflöst, wenn man angibt, in welcher Hinsicht Selbigkeit zugeschrieben wird, in welcher Hinsicht Verschiedenheit[34]. Erst die Bewegung, das „Zugleich“, bringt die für das in Gang kommen der Paradoxie nötige Performanz. Aber diese Zeitlosigkeit, die mit dem Zugleich konfligiert, ist eine „Eigenschaft“ formaler Systeme, nicht von Sinnsystemen, die sich von Ereignis zu Ereignis verketten, mit dem Rücken zur Zukunft. Insofern ist es die theorieeigene Setzung der Auslegung des Beobachtens als formaler, unzeitlicher Struktur, die zur Paradoxie führt, und die – dann – durch das Wiedereinschalten der Zeit entfaltet wird[35].

So besehen ist die Paradoxie der Form eine „künstlich“, also rhetorisch erzeugte Figur. Auf die Frage nach der möglichen theorieinternen Funktion dieses Zuges komme ich im folgenden Abschnitt zurück. Es ist aber klar, dass auch mit diesen kritischen Bemerkungen die Diskussion nicht erledigt sein kann, denn man kann ja immer nur ein Hinsicht durch die nächste ersetzen.

Zusammenfassend also sind Paradoxien, in der hier vorgeschlagenen Perspektive, eine Beobachtungsleistung, und das in doppelter Weise. Zum einen sind Paradoxien ihr Beobachtet-werden-als, sie haben eine Vorgeschichte, und zum anderen gehört es, im Falle logischer Paradoxien, zur Betriebsbedingung, diese konstruktive Vorgeschichte in den blinden Fleck dieser Beobachtung zu verschieben[36]. Paradoxien liegen nicht vor, sie sind kein logisches Schicksal, das über uns kommt, sondern verdanken sich einer Beobachtung, die ihre eigene Genese vor sich selbst verbirgt. 

Die Bedingungen der paradoxen Ausweglosigkeit entstehen nicht erst im Moment ihres Registriert-Werdens. Nicht Rahmenbedingungen wie das tertium non datur oder das Bivalenzprinzip sind die Selbstauslöser der logischen Paradoxie, sondern das Hausen im Formalismus, d.h. in der Auslegung von Logik überhaupt als formaler, reflexive Hinsichten ignorierender Logik. Es muss zu in Geltung genommenen Prinzipien wie etwa dem Satz vom Widerspruch noch die enthymischen, implizitenZusatzvoraussetzungen hinzukommen, jene stillschweigenden, aber alles Weitere schienenden Verabsolutierungen kontingenter Hinsichten, die oben vorgeführt wurden. Dramatophil formuliert: Zum blinden Fleck gehört auch noch der böse Blick[37]. Und eben dies ist der blinde Fleck der Annahme, Paradoxien würden sich gleichsam aus dem „Logisieren“ selbst ergeben[38]. Die Aporie hat sich schon in dem Moment angebahnt, wo man das implizite formalistische Framing, in dem eine Paradoxie überhaupt erst funktioniert, an- bzw. übernimmt. Die gleiche Figur beschreibt Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen (PU §308):

 

„Der erste Schritt ist der ganz unauffällige (...) Aber eben dadurch haben wir uns auf eine bestimmte Betrachtungsweise festgelegt. (...) (Der entscheidende Schritt im Taschenspieler-kunststück ist getan, und gerade er schien uns unschuldig.).“

 

 

Love Song

 

Am Ende dieser mäandernden Reise durch die rhetorische und die logische Weisen, den Begriff der Paradoxie zu gebrauchen, kehren wir zum Ausgangspunkt zurück: Wie ist nun das Verhältnis der systemtheoretischen Bezugnahme auf beide Traditionen des Paradoxiebegriffs?

Fasst man die rhetorisch-pragmatische Paradoxie als „Wirkungskategorie“ (Plett 1992, S. 92), die sich “auf das Hinhalten und In-Spannung-Versetzen des Rezipienten sowie das Unerwartete und Verblüffende des Redeinhaltes“ bezieht, in der die „Pragmatik [...] die Syntaktik [dominiert]“ (ebd.), dann scheint die Frage auf den ersten Blick in „Reden und Schweigen“ schon beantwortet (Luhmann/Fuchs 1989, S. 8):


„Für die Kommunikation von Paradoxien ist der operative Effekt ausschlaggebend, ...“


... würde nach diesem klaren Anwendungsfall des rethorischen Paradoxiebegriffs nicht noch die Angabe folgen, welcher Folgen der paradoxe Effekt hat:


„...daß sie die Kommunikation ins Oszillieren bringt, weil jede eingenommene Position dazu zwingt, das Gegenteil zu behaupten, wofür dann dasselbe gilt (ebd., Hervorhebung F.H.)."


Wenn wir diese Aussage in den Kontext der vorangegangenen Überlegungen stellen, kann diese Aussage so verstanden werden: Es werden mit rhetorischen Mitteln (Bedeutungs-Umwidmung, Homonymie, Kontextverknappung, Kontexterweiterung, usw.) logische (im Sinne von „logisch unlösbaren“ ) Paradoxien platziert, um das Zusammenspiel von Kommunikation und Bewusstseinen zum Treffen anderer Unterscheidungen anzuregen.

Es geht, mit anderen Worten, nicht um ein entweder/oder eines ‚schwachen‘ und ‚starken‘ Paradoxiebegriffs, aber auch nicht um eine Art Mischung, sondern darum zu sehen, dass sich in dieser besonderen Weise des Umgangs mit Paradoxien etwas von der Funktion zeigt, das sich am besten paradox sagen lässt.

Die Theorie taucht, bildlich gesprochen, in die logische Ausgelegtheit ein (so, „wie der Zuschauer in einem Zauberkunststück bereits in den Trick engagiert ist“[39]), um das Paradoxe als logische Absurdität hinzubeobachten, um dann mittels pragmatischer Entfaltung aus der Logik zurück in die Soziologie zu springen:

 

„Die Metapher vom Absprung bezeichnet, daß Kommunikation, konfrontiert mit Paradoxien, keine Anschlußselektivität produzieren kann, jedenfalls nicht direkt und durch die Paradoxien ermöglicht. Soll die Kommunikation weitergeführt werden, muß sie gewissermaßen gedankenschnell unterbrochen und anders fortgeführt werden, zum Beispiel durch Verlagerung des Problems auf eine Metaebene, auf der die Nichtanschließbarkeit an Paradoxien thematisch wird. Man könnte auch sagen: Durch das Einschleusen von Paradoxien in Kommunikation wird Anschließbarkeit weiterer Kommunikation so problematisch, daß darüber kommuniziert werden muß. Das bedeutet auch, daß ein Dauerbeschuß mit Paradoxien sozial ineffektiv ist“ (Luhmann/Fuchs 1989, S. 94).

 

Es muss schon die Härte der Logik sein, um in modernen Zeiten diesen kantianischen Effekt, auf die eigenen Voraussetzungen zu reflektieren, zu erzielen. Paradoxien als unübliche, aber höhere Weisheiten mochten

 

„...in der Welt des 16. Jahrhundert noch als Provokation (und insofern als sinnvoll) erscheinen. Heute reicht etwas, was so leicht zu haben ist wie eine Abweichung vom Üblichen, für einen Fundierungsbegriff nicht aus. Deshalb empfiehlt es sich, den Begriff der Paradoxie an den notwendigen Formgebrauch jeder Beobachtung zu binden“ (Luhmann 2016, S. 212).

 

Hier zeigt sich ein Interesse, das bei Niklas Luhmann und Peter Fuchs stärker ausgeprägt ist als bei anderen Vertretern dieser Theorie: Die Fortführung transzendentalphilosophischer, d.h. nach Bedingung der Möglichkeit fragender Forschung, ohne weiter Transzendentalphilsophie zu betreiben[40]:

 

„Vielmehr geht es um die Suche nach einer Form, in der das unter dem Namen der Philosophie akzeptierte unbedingte Theorieinteresse angesichts veränderter Bedingungen fortgesetzt werden kann“ (Luhmann 1997b, S.16, Hervorhebung F.H.).

 

An die Stelle des transzendentalen Subjekts treten selbstreferentielle Systeme, aus transzedentaler Weltkonstitution wird Systembildung, in deren Zuge die Welt qua interner Selbstthematsierung mit-konstituiert wird, als andere Seite einer eingespiegelten Unterscheidung; als Welt, die, wenn man die Anführungszeichen weg lässt, nur als Paradox in die Welt kommen kann:

 

„Die Unbeobachtbarkeit der Operation des Beobachtens ist die transzendentale Bedingung seiner Möglichkeit. Die Bedingung der Möglichkeit des Beobachtens ist nicht ein Subjekt (geschweige denn: ein mit Vernunft ausgestattetes Subjekt), sondern ein Paradox, an dem derjenige scheitert, der die Welt transparent zu machen sucht“ (Luhmann 1997a, S. 96).

 

Wenn es aber – das ist die eingangs angekündete Mängelanzeige – zutrifft, dass sich diese Paradoxien als eine Art mit rhetorischen Mitteln erzeugter Zaubertricks entpuppen (und das ist immer enttäuschend), dann verliert die Paradoxie den Zauber des Gegebenen, des Unausweichlichen, des Unhintergehbaren, dass nur (aber immerhin) übergangen werden kann. Es würde den Rahmen dieses kleinen Aufsatzes sprengen, die Folgen einer solchen Kontingenzzumutung für den Begriff des Beobachtens durchzuprüfen. Ich gehe aber davon aus, dass sich das Scheingesims[41] der fundierenden Paradoxie zurückbauen liesse, ohne dass das Gebäude der Theorie in statische Probleme käme; gerade Luhmanns eigene Ausführung zur Selbstthematisierung der Gesellschaft im 1975 geschriebenen, posthum publizierten Werk „Systemtheorie der Gesellschaft“ führen vor, dass man reflexive Verhältnisse beschreiben und analysieren kann, ohne dass man alles in „ursprünglichen“[42] Paradoxien gründen müsste.

Wenn die Paradoxie als selbsttragender Ersatz für andere transzendentale Figuren nicht funktioniert, so fungiert sie doch: Als eine Art mythischer Erzählung des Ursprungs von Systemen, denen man bei ihrer eigenen Bildung nicht zusehen kann. Ähnlich wie die Situation der Doppelten Kontingenz als Urszene des Sozialen erschlossen (unterstellt) wurde[43], obwohl ihr Bezugsproblem je immer schon durch Systembildung gelöst ist, hat auch noch nie ein Beobachter erster Ordnung „seine“ Paradoxie gesehen, als deren je immer schon erfolgte Entfaltung sein Herumagieren (sein Reden, sein Schweigen, ja, dass es überhaupt „ein Beobachter“ ist) gedeutet wird (Luhmann 2004, S. 413, Hervorhebung F.H.):

 

„Die Form der Paradoxie ergibt sich also erst auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung. Sie dient nur der Selbstverblüffung des Beobachters zweiter Ordnung. Sie hindert nicht, daß trotzdem geschieht, was geschieht, daß Operationen und auch Beobachtungsoperationen tatsächlich stattfinden.“

 

Die soziologische Beobachtung zweiter Ordnung platziert diese Paradoxien[44], um in selbstaufklärerischer Absicht Einsichten zu gewinnen, die theoretische Problemfiguren (wie etwa das doch-mitlaufen-Lassen des Ausgeschlossenen) adressieren.

 

„Will man diese Annahme als Paradox formulieren, so geht es immer um die Einheit einer Unterscheidung, um die Selbigkeit des Differenten – also um den Punkt, wo Hegelianer ihr Glückserlebnis der „Aufhebung“ haben“ (Luhmann 2019, S. 408).

 

Wenn man es als Paradox formulieren will – das heißt, es geht auch anders. Zur von Luhmann vorgeschlagenen paradoxalen Fassung eines Bezugsproblems gibt es funktionale Äquivalente. Man kann etwas als Frage formulieren. Doch Fragen haben, so Sascha Benjamin Fink (2018, S. 28), den heuristischen Nachteil, dass sie

 

„nur nach einer Antwort [verlangen], und jede Antwort reicht prima facie aus, um die Frage beantwortet zu haben. Paradoxien aber spielen die eigenen Intuitionen und Überzeugungen gegeneinander aus und strukturieren gleichzeitig den Raum möglicher Antworten, bevor diese ausgearbeitet sind. Dadurch regen sie wissenschaftliche Kreativität an, die sich innerhalb der grob angelegten Antwortskizzen entfalten kann“.

 

Das Verhältnis von systemtheoretischen Beobachtungen von (etwas als) Paradoxien, und der Annahme, das Beobachten sei per se, der Form nach sozusagen, schon paradox, ist also selbst – im rhetorisch-pragmatischen Sinne – paradox. Denn die transzendentale Figur der Paradoxie der Beobachtungsform ist selbst: eine Platzierung, durch eine Beobachtung zweiter Ordnung. Die „Paradoxie der Form“ ist, so besehen, ein Spezialfall der gelegentlichen „Einschleusung“ von Paradoxien: dem Spezialfall systemtheoretisch orientierter Kommunikation.

Dieses (rhetorische) Platzieren von (auch: logischen) Paradoxien erscheint in der vorgeschlagenen Perspektive nicht als Sophismus, sondern als ciceronische Technik, der Parrhesie verpflichtet, aber nicht, um einen Perspektivenwechsel zu erzielen, der höhere Wahrheiten einsehen lässt (auch wenn „the same is the different“ das gleiche Umwidmungs-Schema realisiert wie „Nur der Weise ist reich“), sondern neue[45], als „Wagestück“. Und ich schlage deshalb vor, mit Peter Fuchs von „fungierenden Paradoxien“ zu sprechen[46]. Sie sind nicht das letzte metaphyische Wort (auch das, natürlich, eine Paradoxie), ebenso wie andere Installationen der Theorie wie z.B. die Codes, die Grenzwächter, nur fungierende, gestundete Legitimität[47] haben, als „vorläufige Unergiebigkeit“ (Luhmann 2017, S. 651)[48]. Dieser Text ist erscheinen in der Festschrift zu Peter Fuchs' 75. Geburtstag, in: Günther Emlien, Merkus Heidingsfelder, Kai-Uwe Hellmann (Hrsg.) (2024): Probat experiri. Peter Fuchs zum 75. Geburtstag, LIT Verlag, S. 55 - 86.

 

 

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[1]      Man könnte “Reden und Schweigen” auch als eine Art Gründungsakte des systemtheoretischen Schreibens über Paradoxien bezeichnen, in der die Autoren unterschiedlichste Formen kommunikativer Blockaden und deren kreative Überwindungen durchspielen, im Rhythmus von Reden und Schweigen, von Vorgriff und Nachtrag:  „All diese Fragen sind in den Texten allenfalls gelegentlich angedeutet. Wir haben uns darüber verständigt, sie unter dem Namen Paradoxie gleichsam gebündelt auftreten zu lassen“ (ebd., Vorwort, Hervorhebung F.H.).

[2]      Ebd.: „Die Logik beobachtet sich selbst als Paradoxie und als Tautologie. Sie benutzt Paradoxie und Tautologie zur Abgrenzung des Raums ihrer eigenen Operationen, das heißt als Warnmarken zur Abgrenzung eines Kommunikationsbereichs, der durch Logik kontrolliert werden kann. Sie muß, um zwei Grenzen zu gewinnen, das Problem der Paradoxie zunächst duplizieren, es in eine Paradoxie und eine Tautologie zerlegen (wobei die Tautologie, die die Selbigkeit des in der Aussage Unterschiedenen behauptet, ebenfalls eine Paradoxie ist). An beiden Grenzen kann die Logik jedoch ihre Grenzmarken nur von innen sehen, also nicht als Form. Sie kann daher keinen vollständigen Begriff von Paradoxie und Tautologie gewinnen, den ein Beobachter benutzen könnte, der auch die Logik noch beobachten möchte.“ Es soll in vorliegendem Beitrag  nun nicht um eine Bewertung dieser Beobachtung 2. Ordnung gehen (dass Logiker mit ihr womöglich nicht zufrieden sind ist bei einer Beobachtung von Beobachtern erwartbar), sondern darum, in einer anders gelagerten Zweitbeobachtung zu registrieren, dass hier mit „Logik“ die moderne, formale (mathematische) Logik gemeint ist, in der Gestalt, wie sie heute in Lehrbüchern und in wissenschaftlichen Texten begegnet (im Unterschied etwa zur philosophischen, ‚deskriptiven‘ Reflexionslogik). En passant bestätigt sich in der zitierten Stelle das Theorem, demzufolge das Invariante, das Medium einer Beobachtung – hier: das Logische – in seinen Formen verschwindet und nur erschlossen werden kann; etwa anhand typisch logischer reflexiver Operatoren, mittels derer in der zitierten Stelle die ‚nicht-logische‘ (was hier eben heißt: nicht formal-logische) Thematisierung von Logik durchgeführt wird, wie „Abgrenzung“, „muß“, „zunächst“, „nicht“, „zerlegen“, „nur“. Zum Begriff der reflexiven Operatoren und allgemein zur Reflexionslogik vgl. Zorn (2016, S.101), und Schällibaum (2001), aber auch, grundsätzlich, zur Unterscheidung von Thematizität und Operativität: Fink (1957).

[3]      Auch in „Reden und Schweigen“ wird die Struktur paradoxer Lagen durchgängig mit dem von Spencer-Brown inspirierten Formbegriff erläutert – fast möchte ich schreiben: das ist ja das (mein) Problem.

[4]      Vgl. Schilder 1933, Wilke 2020.

[5]      Die folgende Kreuzfahrt durch die Begriffsgeschichte folgt im Wesentlichen Schilder (1933) und Wilke (2020), den  – für derartige Pauschalangebote typischerweise auf wenige Stationen zusammengekürzten – Reiseplan muss ich selbst verantworten.

[6]      Die schulbuchartige Auseinandersetzung mit Logik („Dialektik“) arbeitete sich bis ins 13. Jahrhundert an dem wenigen, vor allem auf Boethius' Übersetzungen zurückgehenden Textmaterial ab. Papst Paul I. hatte dem Vater Karls des Großen, Pipin dem Jüngeren, im Jahre 757 ein oder mehere Bücher des Aristoteles im griechischen Original geschenkt, aber „offenbar blieb dieses damals in jener Gegend einzige Exemplar eines griechischen Textes des Aristoteles am fränkischen Hofe vergraben oder ging verloren, da wenigstens von der Benutzung derselben mirgends die leiseste Spur sich zeigt“ (Prantl 1955, S. 3, Hervorhebung F.H.).

[7]      Vgl. zur Mystik und ihren Paradoxien auch Fuchs 2008.

[8]      Wobei in der Scholastik „Auflösung“ einer Paradoxie auch einfach darin bestehen kann, dass man auf Theologie verweist. Logik wurde bei Bedarf als „zweckloser verkünstelter Wortkram“ (Prantl, ebd., S. 6) gewertet, welcher vermöge seines bunten Charakters untauglich für die reine, einfache Wahrheit und überhaupt unchristlich sei, daher alle Syllogistik, sowie sie vor den schlichte Worten der Apostel zerstieben müsse, ihrerseits hinwiederum nur zur Bekämpfung und Verfälschung des Glaubens diene“. Doch da die Feinde des wahren Glaubens, Arianer z.B., sich gut auf Dialektik verstanden, musste man sich wohl oder übel mit Dialektik befassen, um die Orthodoxie verteidigen zu können. Vgl. Fn. 6.

[9]      Vgl. zu den semantischen Effekten dieser Umstellung die zahlreichen Arbeiten Luhmanns zur Wissenssoziologie, v.a. die vier Bände „Gesellschaftsstruktur und Semantik“.

[10]    „Der Fürst“ – der ursprünglich geplante, weniger akteurszentrierte Titel lautete „Von den Fürstentümern“, vgl. Reinhardt 2012.

[11]    Vgl. Luhmann 2002b, S. 138: „Für jedes Funktionssystem gilt, daß die eigene Funktion Priorität hat und den Vorrang vor allen anderen Funktionen genießt. Der Ausgleich dieser Einseitigkeit liegt darin, daß Entsprechendes auch für die anderen Funktionssysteme gilt. (...) Eine erste, aufsehenerregende Ausarbeitung dieser These ist Machiavelli zu verdanken. Die politische Herrschaft müsse auf alle Fälle erhalten werden, notfalls mit unmoralischen Mitteln.“ Vgl. a. Schulz-Buschhaus 1991, S. 269 f.

[12]    Vgl. hierzu Fuchs (1993, S. 157): „Das, was wir nebulose Kommunikation nannten, war gekennzeichnet dadurch, daß der Status dessen, was als Information, was als Mittelung zu bezeichnen wäre, unentwegt ‚kippte‘. Es war unsicher, ob die Mitteilung informiert, die Information in Wahrheit mitteilt, und ob nicht das soziale Verstehen eben davon so betroffen ist, daß jede utterance anschlußprekär wird.“

[13]    Vgl. etwa Hegels harsche Kritik der romantischen Ironie (1986b, S. 277; Braune 2014, Jaeschke 2015).

[14]    So heißt es im Pierer‘s Universal-Lexikon von 1857 zum Eintrag „Paradoxomanie“: „Sucht, Paradoxien zu behaupten“ (Pierer 1857, S. 661).

[15]    Vgl. etwa die Verwendung des Ausdrucks „paradox“ in der Wissenschaft der Logik (Hegel 1986a, S. 85 f.): „Wenn das Resultat, daß Sein und Nichts dasselbe ist, für sich auffällt oder paradox scheint, so ist hierauf nicht weiter zu achten; es wäre sich vielmehr über jene Verwunderung zu verwundern, die sich so neu in der Philosophie zeigt und vergißt, daß in dieser Wissenschaft ganz andere Bestimmungen vorkommen als im gewöhnlichen Bewußtsein und im sogenannten gemeinen Menschenverstande, der nicht gerade der gesunde, sondern auch der zu Abstraktionen und zu dem Glauben oder vielmehr Aberglauben an Abstraktionen heraufgebildete Verstand ist.“

[16]    Vgl. Luhmann (2019, S. 412): „Man findet im 17. und 18. Jahrhundert zwar noch viele Beispiele (paradoxer Mitteilungsformen, F.H.), und vor allem solche, die auf die seichte moralische und aufklärerische Selbstgerechtigkeit der Zeitgenossen zielen. Trotzdem hat sich die Form so abgenutzt, daß ihr in einem fortschrittsgläubigen Zeitalter kein Erkenntnisgewinn abzugewinnen war (und ein solcher war ja auch gar nicht beabsichtigt gewesen).“

[17]    Das rhetorische Paradoxieverständnis überlebt in der Unterscheidung von Paradoxien im „schwachen“ Sinne – das sind dann die rhetorischen – und im „starken“, sozusagen eigentlichen Sinne: dem formal-logisch-mathematischen, vgl. etwa Schönwälder-Kuntze/ Wille/Hölscher (2009, S. 193); Brieden (2022, S. 138). 

[18]    Wer sich für Paradoxien im Sinne logischer Zaubertricks interessiert wird hier fündig: Falleletta 1985.

[19]    Vgl. zur Grundlagenkrise Mehrtens 1990; und, mit Bezug zu Spencer-Brown, Fuchs/Hoegl 2011.

[20]    Vgl. hierzu auch Luhmann 1991c. Der wissenschaftliche Sprachgebrauch ist sich in Sachen Paradoxie nicht einiger als der umgangssprachliche: Antinomien, Aporien, Paradoxien „logische“, semantische, pragmatische; mal sind es Sätze, mal Begriffe, mal sets and sub-sets, die sich selbst oder einander widersprechen. Im Folgenden werde ich diese Nuancen einebnen, und „logische Paradoxie“ im Unterschied zur rhetorisch-pragmatischen Paradoxie als formale zirkulär-widersprüchliche Konstruktionen bestimmen, wo die Bedingung von A zugleich die Bedingung der Unmöglichkeit von A ist (vgl. a. Luhmann 2008a, S. 177 f.). Von paradoxen Konstrukten sind Dilemmata zu unterscheiden: unentscheidbare Handlungssituationen (wie die bekannte Figur des „double bind“), die aber in paradoxen Konstruktionen gründen können.

[21]    Sprich, es wird die formale, mathematische Logik, wie sie seit dem 19. Jahrhundert in der Nachfolge von Boole und Frege bis zu den heutigen Möglichkeiten der Informatik entwickelt wurde, für „die“ Logik „schlechthin“ gehalten. Ohne dieser These hier nachgehen zu können vermute ich, dass über die Traditionslinie Wiener Kreis/Analytische Philosophie/Kybernetik und dem, was als „radikaler Konstruktivismus“ hinbeobachtet wird, uneingesehen der Logikbegriff der Analytischen Philosophie übernommen wurde. Die Perspektive dieses Logikbegriffs pflegt ahistorisch ihre eigenen, heutigen Themen und Probleme in die Vergangenheit zurückzuprojezieren (etwa, wenn mittelalterliche Logiktexte so rezipiert werden, als würde dort ‚eigentlich‘ über die gleichen Fragen philosophiert und mit den gleichen Begriffen operiert worden, nur ohne formalen Apparat, vgl. Genot/Rahman /Tulenheimo 2008, oder Hegels Logik mit Mitteln der Prädikatenlogik nachgebastelt wird: „Hegel’s Logic from A Logical Point of View1“, Gauthier 1984), um so eine Geschichte der Vorläufer und heroischen Vordenker zu inszenieren, deren Arbeiten im Sinne eines Fortschritts auf die eigenen Überzeugtheiten der Gegenwart zulaufen, so dass die Nuancen und Unterschiede der vielen verschiedenen „Logikbilder“ (Stekeler-Weithofer 1986) eingeebnet werden zu „der“ Logik.

[22]    Vgl. Fn. 2.

[23]    Vgl. hierzu auch Zorn 2016; Priest 2008; Kreisler/Stelzner 2004; Günther 1991; Kuhlmann 1985. Und, freilich, Hegel.

[24]    Dabei steckt das zeitliche Moment, die Nachträglichkeit, die sich auf eine zurückliegende utterance bezieht, schon im Wort „Rück-Bezüglichkeit“.

[25]    Auf die Unwahrscheinlichkeit von „Selbst“, das nicht einfach schon „da ist“, hat Peter Fuchs immer wieder hingewiesenen, vg. etwa Fuchs (2010). Ich schlage als nur vor, im fuchs’schen Sinne auch noch die letzten Seile zu kappen, die den Paradoxiebegriff inhaltlich an die formale Logik fesselt.

[26]    Vgl. in „Reden und Schweigen“ die gleiche Figur: „...wobei die Tautologie, die die Selbigkeit des in der Aussage Unterschiedenen behauptet, ebenfalls eine Paradoxie ist“ (Luhmann/Fuchs 1989, S. 8).

[27]    Paradox heißt in diesen Fällen: es geht nicht. Vgl. etwa Luhmann (2016, S. 201): „Es geht nicht, es liefe auf eine Paradoxie hinaus“. In Luhmann (2002a, S. 55) greift er zu naturwissenschaftlichen Metaphern und spricht vom schwarzen Loch „der Paradoxie, die keine Information aus sich herausläßt“.

[28]    Vgl. etwa Luhmann (2002a, S. 132): „Paradoxien sind, auch so kann man es formulieren, die einzige Form, in der Wissen unbedingt gegeben ist. Sie treten an die Stelle des transzendentalen Subjekts, dem Kant und seine Nachfolger einen Direktzugang zu unkonditioniertem, a priori gültigem, aus sich selbst heraus einsichtigem Wissen zugemutet hatten.“ Vgl. aber auch Luhmann (2016, S. 198): „Damit (durch die paradoxe Form des Beobachtens selbst, F.H.) ist zugleich alles, was überhaupt beobachtet oder nicht beobachtet wird, auf eine Paradoxie begründet (...).“

[29]    Wobei eine „bloße Registratur“ sehr wohl eine empirisch feststellbare Weise des Umgangs mit Paradoxien sein kann, ein Effekt der Admirabilis, sofern in „Registratur“ eine bürokratische Note mitschwingt: „Being stunned“ als Entschleunigungsmaßnahme. Wenn man in dilemmatische Entscheidungssituationen gedrängt wird (durch die Hinbeobachtung einer paradoxen Lage, etwa in Kaltakquise-Verkaufsgesprächen, die Kontexte immer weiter verknappen bis zur Trichterfrage: „Wollen Sie Steuern sparen oder nicht?“), und man „kurz nicht weiß, was zu tun ist,“ tut man immerhin schon mal das. So, wie man bisweilen ausdrückt, wie es einem geht, indem man sagt, „Ich kann Dir gar nicht sagen, wie’s mir geht!“ Aber das sind, in der hier vorgeschlagenen Perspektive, eben: rhetorisch-pragmatische Paradoxien, keine logisch unlösbaren.

[30]    Vgl. Fn. 2.

[31]    Die gleiche Struktur zeigt sich auch in der „Paradoxie: Der nächste Satz ist wahr! Der vorige Satz ist falsch!“ (Simon 2018, S. 141). Der paradoxe Effekt entsteht, wenn aus der Virtualität des semantischen Prinzips der Bivalenz – „eine behauptete Aussage kann nur möglicherweise wahr oder falsch sein, welches von beiden aber zutrifft entscheidet sich am konkreten Fall“ – eine faktische Eigenschaft von Sätzen allgemein gemacht wird – „jede Aussage ist a priori wahr oder falsch“, unabhängig davon, was sie sagt (In einer Verabsolutierung einer Hinsicht – dass manche Sätze etwas behaupten – werden alle Sätze ausgeblendet, die sich gar nicht behauptend auf Sachverhalte beziehen, sondern Züge eines andersartigen Sprachspiels sind; etwa als Warnung, oder Versprechen).        Ohne diese stillschweigende Zusatzhypothese (vgl. ausführlich Zorn 2016, S. 271) käme der wenn-dann-Taumel nicht in Gang, denn ohne sie würde man dem ersten Satz zunächst gar keinen Wahrheitswert zuordnen sondern sehen, worauf sie sich behauptend bezieht. Erst durch den Rückbezug der stillschweigend vorausgesetzten Annahme, jeder Satz sei per se entweder wahr oder falsch, kommt es zu der Janusgesichtigkeit, dass der erste Satz einmal wahr ist wegen der impliziten operativen Voraussetzung, der Satz sei per se wahr (oder falsch – die Paradoxie funktioniert auch, wenn man mit der Falschheitsannahme startet), und einmal falsch im Sinne einer inhaltlichen Behauptung.  Zur Paradoxie diesen Typs, so Zorn (ebd.), „gehört also eine inhaltliche Satzkonstruktion und eine – in Bezug auf diese Satzkonstruktion – operative Annahme, die eigentlich den ‚Motor‘ der Paradoxie richtig startet. Weil diese operative Annahme aber inhaltlich dieselbe ist wie einer der beiden Sätze, verschwindet sie stets in einem der beiden Sätze (...)“.               

[32]    Zu der Nähe der Figur der „ersten Unterscheidung“, die die Welt „verletzt“, zu Schöpfungsmythen vgl. Hoegl 2023; Schulte 1993.

[33]    Vgl. Fn. 28.

[34]    Man kann eine Beschreibung einer Blumenvase abgeben, indem man einen Text abgibt. Da würde man nicht sagen, das sei „eigentlich“ keine Beschreibung, sondern ein Text. Sondern es ist, in einer Hinsicht, ein Text, in einer anderen eine Beschreibung.

[35]    Dieser Aus-Setzung der Zeit verdankt sich auch das figur-gleiche Paradox vom blinden Fleck, dass man nicht sehen kann, dass man nicht sehen kann, was man nicht sehen kann. Denn offenbar wird hier in typisch rhetorischer Paradoxiemanier das Wort „Sehen“ umgewidmet, mal im Sinne eines einäugigen, bewegungslosen (!) Starrens, einmal im Sinne von „Bemerken“, vgl. zur Überziehung der Metapher vom blinden Fleck zum erkenntnistheoretischen Paradox ausführlich Schulte (1993, S. 35 f.).

[36]    Indem sich implizite, operative Voraussetzungen – in den Beispielen vom Lügner bzw. den wahrfalschen Sätzen: „Alle, die lügen, lügen nur und immer“; „Alle Sätze sind per se wahr oder falsch“ – in die Weise ihres Thematisierens hineinverschieben – „Alle Kreter lügen“; „der nächste Satz ist wahr“ – und dadurch invisibilisieren: wie wenn man sich zu einer Säulenreihe so aufstellt, dass alle weiteren Säulen hinter der vorderen verschwinden.

[37]    Vgl. hierzu auch Schulte 1993, S. 41.

[38]    Mit anderen Worten: Zumindest diese Art logischer Paradoxien sind, in der hier vorgeschlagenen Perspektive, in den einschlägigen Fällen, eben keine „echten“, harten, unlösbaren Paradoxien im Unterschied zu bloß rhetorischen, sondern auch nur Schein. Stellt sich eine Beobachtung so zur Welt auf, dass sich Sinnangebote (Behauptungen, Anweisungen, Befehle, Empfehlungen, ...) in den paradoxen double-bind-Strudel verstricken, widersprechen sie nicht der Logik, sondern sich selbst (mittels Logik).

[39]    So ein treffendes Bild des Philosophen Daniel-Pascal Zorn (Zorn 2016, S. 277).

[40]    Vgl. Luhmann (2008, S. 15): "Man könnte [...] Sinn auch als die Differenz von Wirklichem und Möglichem bezeichnen. Phänomenologie ist hier weder gemeint als Erscheinen des Geistes in der Welt noch als Erscheinen der Welt im Geiste. Wir setzen weder das Hegelsche noch das Husserlsche Theorieprogramm fort, sondern begreifen Phänomenologie als Lehre vom Erscheinen der Differenz, und zwar zunächst: der Differenz des Wirklichen und des Möglichen.“ Das Programm wird nicht fortgesetzt, aber eine so programmierte Systemtheorie (zu der auch der vorliegende Aufsatz einen kleinen Beitrag leisten möchte) bleibt der transzendentalen Phänomenologie durch die gemeinsame Grenze verbunden. Bei Peter Fuchs erfährt es eine weitere Umformung, zu einer Phänomenologie des Erscheinens der différance (Fuchs 2019).

[41]    Vgl. Wittgenstein (PU § 217): „Erinnere dich, daß wir manchmal Erklärungen fordern nicht ihres Inhalts wegen, sondern der Form der Erklärung wegen. Unsere Forderung ist eine architektonische; die Erklärung eine Art Scheingesims, das nichts trägt.“

[42]    Vgl. Luhmann (2002a, S. 57): „Es gibt also immer wieder Wege zurück zum Ursprung, zum Paradox (...).“

[43]    Vgl. Hoegl 2003.

[44]    Vgl. auch Simon (2018, S. 142): „Paradoxien sind dem Phänomenbereich der Bezeichnungen (indication, z.B. landkarten, Speisekarten) zuzurechnen. (...) Im Phänomenbereich materieller Objekte (= distinction/z.B. Landschaften, Speisen) sind keine Paradoxien beobachtbar.“ Was vielleicht auch daran liegt, dass nicht klar ist, wie eine Distinktion, eine Differenz, zum Phänomen werden kann. Oder anders gesagt: in diesem Paradox schlummert ein ganzes Theorieprojekt, vgl. Fn. 40.

[45]    Es geht eben doch um Erkenntnisgewinn. Vgl. Fn. 16.

[46] „...ich verstehe unter Praxis so etwas wie fungierende Unterschiede, fungierende Unterscheidungen, fungierende Medien. Oft rede ich auch von fungierenden Ontologien oder neuerdings auch von fungierenden Paradoxien. Man könnte auch von ‚figurieren‘ sprechen. Fungieren (figurieren) führt immer ein mehr oder minder explizites ‚als ob‘ mit sich: Jemand figuriere als Dirigent, bedeutet nicht, dass er einer sei“ (Fuchs 2022, S. 63).

[47]    Vgl. hierzu aus dem Vorwort zu „DAS Sinnsystem“ (Fuchs 2015, S. 9): „Sie (die Systemtheorie, F.H.) bezieht nicht mehr am Rande, sondern zentral psychische Systeme ein, im Kern auf eine Weise, die die Separierbarkeit beider Systemtypen zwar pragmatisch für legitim, aber zugleich für eine Zwischenlösung, ein Moratorium, eine Stundung hält – im Blick darauf, dass Psyche und Sozialität nicht einfach zwei Phänomene sind, sondern sich in ihren Phänomenheiten herstellen dadurch, dass sie jeweils in ihrem Gegenüber das Andere ihrer selbst als Bedingung ihrer eigenen Möglichkeit und Notwendigkeit finden.“

[48]    Vgl. in diesem Sinne Fuchs (2015, S. 229): „Die binären Codes der Funktionssysteme, sie gibt es nicht. Sie liegen nicht in der Gegend herum. Sie blinken an den Gates dieser Systeme nicht als Leuchtfeuer auf. Es handelt sich bei ihnen nicht, wie wir eben noch formuliert haben, um Kontexturinstallateure. Und dies ist der Grund dafür, dass es einer Theorie bedarf, die auf einer Beobachtungs- und Beschreibungsebene der dritten Ordnung operiert und die Beobachtungsoperativität der Funktionssysteme (und damit heben wir die Vorläufigkeit der oben gegebenen Definition auf) so beobachtet, dass Codes inferiert werden können.“

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